Nun ist sie umgezogen von Leipzig nach Köln, und alles sollte besser werden, und größer, als ob es immer nur um Größe ginge. Na, groß ist sie jetzt, und deshalb hat sie auch gleich einen neuen Namen bekommen, so wie bei Initiationsriten indigener Völker: die Messe bei der alles gezeigt wird, was den Videospielmarkt der kommenden Saison erobern und bestimmen soll, heißt jetzt GamesCom.
Also, schön morgens in aller Herrgottsfrühe ins Auto, und ab nach Köln; die Messe findet man ja gleich, aber beim Presse-Parkplatz angekommen, ist es wie beim Arzt: egal, wie früh man kommt, immer sind schon drei Leute vorher da. Beim Parkplatz ist es sogar noch schlimmer, der ist schon voll, also noch mal links rum rechts rum, weil man vor Ort offenbar überrascht ist, dass die akkreditierten Pressevertreter auch tatsächlich kommen.
Vom Parkdeck findet man dann erstaunlich bequem durchs Pressezentrum hindurch den "Business to Business" Bereich, in dem es aber sehr geheim zugeht: alle Austeller verstecken sich in Verschlägen meterhoher Stellwände, so dass es hier im Grunde gar nichts zu sehen gibt. Eigentlich auch nicht schlimm, hier haben ja nur Fachbesucher Zutritt. Die Reizlosigkeit treibt schnell in jene Hallen, die dem Publikum gewidmet sind, ingesamt sind es 4 Hallen, zusammengefasst unter dem verheißungsvolllen Etikett "Entertainment Bereich".
Na gut, dann mal los, denn für die Unterhaltung hat man ja die beschwerliche Anreise auf sich genommen. Von den vier Hallen der Publikums-Zone sind drei hintereinander angeordnet, nur die letzte liegt seitlich neben diesem Strang. Was das bedeutet, spürt man schon am Vormittag in den Füßen: laufen, laufen, laufen. Den Business Leuten hat man es da wesentlich bequemer gemacht: zwei verbundene Hallen, mit zwei weiteren, genau darüber. Nach etwa zwei Stunden hat man dann die Austellung ungefähr überblickt, und kann sich einigen Themen und Ausstellern intensiver nähern. Dabei fällt schnell auf, dass ein Merkmal die Anbieter eint: allenthalben Spielfläche, ein Wallfahrtsort für Videospieler, auch für jene, die selbst technisch hochgerüstete Refugien ihr Eigen nennen. Die Hallen strotzen geradezu vor Bildschirmen und Leinwänden, befeurt von Konsolen aller Art, Gamer-PCs und dergleichen. Alle aktuellen Entwicklungen können nach Herzenslust gespielt werden, und dabei kann man sich ruhig Zeit lassen, die schiere Überzahl der Spielplätze lässt zumindes am ersten Tag kaum Warteschlangen entstehen.
Worin sich die Hersteller jedoch deutlich voneinander unterscheiden, ist die Art und Weise, ihr Produkt, und dessen Thema zu präsentieren. Die Mehrheit, und man muss wirklich sagen, eine erdrückende Mehrheit verlässt sich auf Chromgestänge und modernistisches Design der Stände. Die Themen einiger Spiele mögen mehr hergeben als die anderer, aber Lieblosigkeit verprellt Besucher, die in der Erwartung anreisen, in ihre favorisierte Welt eintauchen zu können. Ein kleiner Teil der Aussteller hat sich die Mühe gemacht, die Bildsprache ihrer Produkte in umzusetzen, und atmosphärische Kulissen und Darbietungen zu gestalten.
Besonders gefallen hat hier die Vorführung von "Star Wars - The Old Republic", in einem kleinen Kino wurde nach kurzer Einführung ein Vorspann eingespielt, der den Saal mitsamt der Sitzstufen zum Beben brachte. Dann wurden Ausschnitte des Spiels live gespielt, und zwar von Mitgliedern des Entwickler-Teams, da hat man dann auch gern in Kauf genommen, das nur Englisch gesprochen wurde, und zwar nicht nur im Spiel, sondern auch in der Moderation (wobei der Moderator ein wenig an den Schauspieler Steve Buscemi erinnerte).
Dabei muss das Schöne nicht immer mit viel Tamtam daher kommen. Gerade Kleinigkeiten zeigen häufig die Liebe zum Detail: Tony Hawks neues Bedienteil, dass dem Deck eines Skateboards nachempfunden ist, wird auf einer kleinen Seitenfläche präsentiert, die mit einer zusammen gezimmert wirkenden Holzkonstruktion deutlich an die typischen Nischen auf Schul- oder in Hinterhöfen erinnert, in denen die Kinder der Vorortnachbarschaften ihre ersten Rollerfahrungen auf selbstgebauten Rampen und Hindernissen sammeln.
Wie unterschiedlich die Aussteller die natürlichen Neigungen des Publikums im Auge haben zeigt sich auch bei einer Messekonstante: viele bauen die Brücke zum Kunden mit Hostessen, aber nur wenige scheinen die einfachen Auswahlkriterien zu kennen; ein aufgeschlossenes und sympathisches Lächeln, feste Schenkel, gerader Gang, vorzugsweise jung und gesund, so dass man sich auf jeden Fall den Stand merkt, den die Dame markiert. Und auf keinen Fall sollte man wie Ubisoft zwanzig knappe Fussalltrikots ordern, ohne darauf zu achten, dass die Mädchen auch die nötige Figur für derartigen Körpereinsatz haben.
Fazit: Am späten Nachmittag, nach unzähligen Kreisen durch die Messehallen, erkennt man, dass sich die vielen Schritte kaum gelohnt haben. Die Messe leidet unter vermeidbarer Weitläufigkeit und verbreiteter Einfallslosigkeit. Man sollte eigentlich von der Sorge, etwas zu verpassen durch die Hallen getrieben sein, statt wie hier, von der Sehnsucht, endlich etwas zu erleben. Aber diese Sehnsucht nimmt man leider wieder mit nach Hause. Da hätte man heute morgen bleiben können.


Endlich ist es wieder so weit. Zum dritten Mal öffnet die gamescom ihre Tore und lockt damit Videospieler aus aller Welt...




