Samstag, 19. Mai 2012

Aktualisiert:15:57 Uhr

Das maskierte Genre

Drucken PDF

Die gamescom hatte gerade in Deutschland eine schwere Bürde zu tragen: Die erste Messe nach dem Amoklauf in Winnenden. Hatte man zuerst das Gefühl, die Branche habe dies verarbeitet oder zumindest verdrängt, so ist inzwischen klar: Der Markt weiß sich zu helfen.

 

Zunächst fällt es einem gar nicht auf, denn es ist alles wie immer: Testen hier, quatschen dort, anspielen da. Alles wie gehabt. Erst nach zwei Dutzend Terminen und kleinen bis großen Neuerungen merkt man, dass da irgendwas anders ist. Was ist eigentlich aus Ballerspielen geworden? Die umstrittenen Titel, bei denen sich Spieler und Gegner um das Wort „Killerspiel“ seit Jahren streiten? Die angeblich entweder Aggression abbauen oder Verrohung fördern sollen, je nachdem auf welcher Seite man steht? Schauen wir mal, was die Hersteller daraus machten:

 

Operation Flashpoint 2, alles stimmig militärisch aufgezogen am Stand, es fehlt nur, dass uns anstatt hübscher Messe-Hostessen ein Corporal mit militärischem Gruß empfängt. Auf die Frage „Wie seht ihr euren Shooter im Vergleich zu den Titeln der Mitbewerber?“ gleich der Konter: „OF2 ist kein Shooter sondern eine Simulation! Die wohl realistischste Militärsimulation überhaupt!“ Gut, wenn ich keine Antwort auf meine Frage bekomme, dann eben eine unpassende Gegenfrage, beispielsweise ob die Jungs vom OF2 Team keine Umfragen und Forenbeiträge lesen würden. Schließlich sagt die Mehrheit der Action-Titel Spieler von sich, sie wollen keine Simulation eines Soldaten, die Krieg so realistisch wie möglich darstellt. Mit dem Kommentar, dass man da andere Angaben habe wird man dann schnell allein gelassen und ich mache mir selbst ein Bild von OF2. Man läuft durch die Gegend, hat ´ne Waffe in der Hand und schießt auf Gegner, bevor die einen töten. Früher hieß so was Shooter oder Ballerspiel, ganz gleich, wie schwer das Ding war. Operation Thunderbolt war auch kein Rambo-Simulator und Spec Ops war ein sauschwerer Shooter - aber ein Shooter.

 

Nächster Titel: Borderlands von Take 2. Zwar leicht im Comic-Stil und auf das Alleinstellungsmerkmal der Waffenbildungs-KI fokussiert, geht es in Prinzip darum, Aufträge nacheinander zu erledigen, in denen wir eben aus über 1 Millionen Waffenkonstellationen unsere Favoriten heraussuchen und uns den Weg frei ballern. Hieß früher Shooter heißt heute Action Rollenspiel. Warum? Weil ich meinen Charakter verändern und bestimmte Fähigkeiten ausbauen kann. Verbesserungen der Werte eines Alter Ego sind in Schießspielen nicht neu, nur vielleicht, dass ich jetzt aussuchen kann, in welche Richtung sich mein Charakter entwickelt. Früher hat man zehn Kopfschüsse beim Gegner angewandt und die Eigenschaft Präzision ging um drei Punkte hoch. Heute macht man zwanzig und kann wählen zwischen der Erhöhung „Präzision“ oder „ruhige Hand“ um je vier Punkte. Oder zwei auf je ein Attribut. Rollenspieler wird das bestimmt vom Hocker hauen. Aber insgesamt ist auch das seit Deus Ex nichts Bahnbrechendes mehr.

 

Auch Sega präsentiert uns mit „Alpha Protocol“ einen interessanten Titel. Als Agent der CIA in China muss man die Hintergründe aufklären, die zu einem Abschuss eines Passagierflugzeugs durch angeblich amerikanische Raketen geführt hat. Dabei kämpft man sich durch allerlei Level und Landschaften, immer ein cooler Spruch auf den Lippen und das Gewehr im Anschlag. Klingt wie ein Shooter? Weit gefehlt, denn da Neverwinter-Nights-Entwickler Obsidian dahinter steckt ist Alpha Protocol nun ein Agenten-Rollenspiel, wobei die Tatsache, dass man zu 90% mit Waffen auf andere Personen feuert, ausgeblendet wird. Natürlich ist es zu Beginn interessant, den Protagonisten des Spiels nach seinem Belieben zu formen und ihn vielleicht ein wenig sich selbst anzupassen, aber das ist nur zu Beginn des Spiels eine Variante. In Dialogen kann man die Gangart bestimmen, aber mal ehrlich – nur weil das bei Monkey Island schon so war, würde niemand Alpha Protocol als Adventure bezeichnen.

 

Shooter – oder meinetwegen Killerspiele, wenn es die Politiker glücklich macht – haben im Moment Maskenball. Sie sind verkleidet als Rollen-, Simulations- oder andersartige Spiele oder als Mix von allem. Splinter Cell Conviction ist ein „Hide and Sneak“, Uncharted 2 ein Action-Rätsel-Adventure, Modern Warfare 2 ein Taktikspiel Max Payne 3 eine „Film-Noir-Spielefortsetzung nur ohne Film und noch weniger noir, sogar Alien vs. Predator wird ein „filmbasiertes Action-Rollenspiel mit grundverschiedenen Heldentypen“ und Bad Company ist ein „Action-Mehrspieler-Erlebnis“. Ich bin gespannt, wie das weitergeht. Werden „Hack and Slays“ ( wie Diablo ) zu „Hauen und Stechen“? Beat ´em ups ( Prügelspiele ) zu „Auftragen und Polieren“?

 

Warum sind wir nicht besser als die Politiker? Warum stehen wir nicht dazu, dass wir Scarface nur wegen der Kettensägenszene gekauft haben? Wir wollen das entfesselte Böse bekämpfen oder selbst spielen, wir pfeifen auf Pazifismus und Friedensmärsche, solange genug Munition in unserer Railgun schlummert. Und solange es von einem Gehäuse aus Blech eingegrenzt wird. Dadurch sind wir weder pervers noch eine Gefahr für die Gesellschaft, wir sind einfach nur Spieler, deren Interesse es sein sollte, dass brutale Spiele nichts in Kinder- oder Teeniehände zu suchen haben. Dann können wir die Dinge auch wieder beim Namen nennen. Aber im Moment sehe ich Dieter Bohlen mit weißen Handschuhen vor mir, der ruft „Rate wer ich bin!“ Ein schlechter Musiker? „Nee, Michal Jackson, sieht man doch am Handschuh!“

 

Holger Weiss

Kommentar:
Holger Weiss

Geschrieben: 1 Jahr, 1 Monat her von Dersesselpupser #108
mann muß halt versuchen das beste daraus zu machen
Geschrieben: 1 Jahr, 1 Monat her von Sniper151 #94
Ich kann dazu nur eins Sage, man kann halt nicht alles können, sonst wäre es irgenwann sehr sehr langweilig!

An dieser Diskussion teilnehmen.
Bitte anmelden oder registrieren um an dieser Diskussion teilnehmen zu können.

Elternstudie

Elternstudie
Erste Studie zur Rezeption von interaktiven Inhalten, Video- und Computerspielen durch Mütter und Väter.

Leser-Gewinnspiel

Hama Gaming-Headset Shikaar

Newsletter - Abo

Die wichtigsten Meldungen direkt per eMail erhalten? Ganz einfach mit unserem Newsletter!
Name:

Email: 

Share/Save/Bookmark