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Extraleben Wer beim Namen Constantin Gillies an Florian Illies denkt, der liegt keineswegs falsch. Beide sind im selben Alter, beide kommen aus Bonn und wie Illies’ Retro-Saga ‚Generation Golf’ hat sich auch Gillies der Vergangenheit angenommen, verpackt jedoch seine Retrospektive in eine romanartige Handlung und widmet sich auf 350 Seiten dem Thema Computer, Konsolen und Gaming.
Nick und Kee sind typische Nerds, Konsolen- und C64-Kinder die in den 80ern allerhöchstens vom Monitor, von ‚Raid over Moscow’, ‚Barbarian’, ‚Commando Lybia’ und ‚Mafia Games’ aufschauten wenn Lee Majors alias Colt Seavers flüchtige Straftäter zurück nach L.A. eskortierte. Als Thirtysomethings ohne besondere Persepktive, noch dazu belastet mit einen mittelmäßigen Aushilfsjob, fristen sie ihr Singleleben bzw. ihre Midlife-Crisis mit gemeinsamem Daddeln und Sinnieren über die gute alte Zeit. Dabei nimmt Nick die Rolle des ewig Gestrigen ein, ein konsequenter Verweigerer der meisten modernen Errungenschaften. Kee, der Ich-Erzähler, steht als Gegenpol durchaus kritisch der ‚Früher-war-alles-besser’ Romantik gegenüber und sorgt mit lakonisch-ironischen Kommentaren dafür dass sich die Erzählung nicht allzu sehr in sehr im Fahrwasser verklärter Jungserinnerungen verliert. Gillies weiß, dass ein ‚Bioshock’ nun mal eine ganze Ecke geiler ist als alte Pixelspiele. Es geht im Besonderen aber um das Lebensgefühl der 80er, die Aufbruchsstimmung und den Wandel. So liefert das Buch einen durchaus authentischen Rückblick ohne rosa Brille, ohne permanent in die verklärte ‚So-schön-wird’s-nie-wieder’- Mühle zu treten.
Im Laufe eines gemeinsamen Zockerabends entdeckt Nick im Programmcode von ‚Raid over Moscow’ eine geheime Nachricht, ‚Welcome to Datacorp’ lautet sie. Und bringt die Handlung des Buches ins Rollen. Gemeinsam versuchen Nick und Kee der Nachricht auf den grund zu gehen. Warum findet sich eine Hackerbotschaft in einem Originalspiel? Was anfangs als Jux, als Aufhänger für eine Schnitzeljagd während des gemeinsamen USA Urlaubs angesehen wird entwickelt sich zu einer Art Forschungsreise quer über den amerikanischen Kontinent. Dabei nutzt Gillies jede nur mögliche Gelegenheit seine sehr gut recherchierten Anekdoten zum besten zu geben. Los geht es z.B. in Fairfield, einem kleinen Nest in den USA das Walter Day für kurze Zeit als Hauptstadt des Arcadespiels ins Zentrum der Öffentlichkeit katapultierte. Seine Spielhalle ‚Twin Galaxies’ war mit der ersten Erfassung aller bei Arcadespielen erzielten Highscores sozusagen der Beginn des modernen E-Sports.
So bleibt das Buch mit seiner Verschwörungs-Rahmenhandlung und tausend kleinen Anekdoten durchgehend eine Mischung aus Textsammlung und Thriller. Eine Hommage an die spannende Zeit der ersten Heimcomputer, Konsolen und Games. Gespickt mit unendlich vielen Details aus jener Zeit, mit urbanen Legenden, wahren Fakten und erlogenen Mythen reiht Gillies eine unterhaltsame Anekdote an die nächste. Dabei werden die Geschichten stets geschickt eingepflegt in die Thrillerhandlung, die durchaus spannend, aber natürlich nicht das Herzstück des Romans ist. Dies sind eben jene Geschichten, jener Wiedererkennungswert der alle Leser Mitte 30 sofort willkommen heißt.
Auf ihrem Roadtrip durch die USA geht es natürlich nicht nur um Spiele, Gillies präsentiert viele andere popkulturelle Rückblicke auf eine vergangene Zeit und deren Lifestyle, wirft aber auch einen Blick auf den aktuellen amerikanischen Way-of-life. Zugegeben, das wirkt hier und da ein wenig zu larmoyant, trifft aber auch immer wieder ins Schwarze. Der Wiedererkennungwert ist enorm hoch für alle die mit dem Thema aufgewachsen sind. Alle andern können trotzdem Spaß haben, amüsante Unterhaltung ist ‚Extraleben’ allemal.
Wenn Nick und Kee ‚Barbarian’ einlegen erinnert mich das beispielsweise an den Moment als ich nach der Schule bei einem Freund zu Besuch war, meine Eltern holten mich abends ab und ich saß auf der Rückbank des Autos mit dem wohl größten Schatz den ein 12 jähriger damals haben konnte: Ein Haufen illegal kopierter (Hatte damals irgendjemand ein Originalspiel?) Pixel-Kloppspiele, Adventures und Jump’n’Runs. Barbarian war auch dabei. Als wäre es gestern gewesen. Es gibt eine Menge solcher Momente im Buch, Momente die alte Erinnerungen aufleben lassen wie das sonst nur ein Geruch kann den man Jahre nicht gerochen hat, der einen aber sofort zurückkatapultiert in eine andere Ära mit einem anderen Lebensgefühl.
Gillies schreibt durchweg flüssig und elegant, paart seine Geschichten-von-Früher nicht selten mit spitzen Seitenhieben auf das Hier und Jetzt, auf die Gegenwartskultur und den aktuellen Zeitgeist, bleibt vor allem immer sympathisch weil er den dünnen Drahtseilakt zwischen Verklärung der Vergangenheit und Selbstreflexion seiner Protagonisten im großen und ganzen sehr gut meistert: „Zu den guten Dingen in unserm Alter gehört, dass die panische Angst davor, irgendwie peinlich zu wirken, der Gewissheit gewichen ist, es ohnehin zu sein......Eingesehen zu haben, das alle Coolheitsanstrengungen eigentlich nichts bringen, macht den Weg frei für so schöne Dinge wie Karaoke“ Solche Sätze sind es, die die hier und da aufkommende Bitterkeit durch Gelassenheit wieder neutralisieren. Es ist eben nicht alles schlecht am Älterwerden.
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Marcel meint: Ein durch und durch gelungenes Buch, in erster Linie natürlich für die Generation C64, aber mit Sicherheit auch für andere die sich fürs Thema interessieren, aber keinen direkten Bezug dazu haben. Oder glaubt ihr mehr als 10% der Käufer von Hape Kerkelings ‚Ich bin dann mal weg’ gehen mehr als 2km zu Fuß....pro Woche? Nicht wirklich. Darauf verwette ich meinen alten Amiga 500. |




Endlich ist es wieder so weit. Zum dritten Mal öffnet die gamescom ihre Tore und lockt damit Videospieler aus aller Welt...




