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Gewalt ist nicht gleich Gewalt ‚Ist Gewalt ein Tabu?’ fragt Thomas Hartmann in der Einleitung seines 260 Seiten starken Buchs und beginnt mit einer kleinen Anekdote aus seiner Kindheit im Juni 1967. Zwei Straßenbanden treffen im Frankfurter Westend aufeinander, Kinder im Alter zwischen sieben und zehn. Sie prügeln sich, schießen mit Erbsenpistolen und beschimpfen sich, der Autor mittendrin. „Ernsthaft verletzt wurde niemand. Es war natürlich nicht immer ungefährlich, aber es machte einen Riesenspaß.“ Wäre eine solche Szene heute noch vorstellbar? Oder gar wünschenswert? Wie würden Erziehungsberechtigte auf solche Szenen reagieren? Stimmt es, dass Gewalt unter Kindern und Jugendlichen heutzutage in ungezügeltem Maß zunimmt? Oben geschilderte Szenen spielten sich, wie gesagt, vor 40 Jahren ab. Damals war die Fernsehlandschaft nicht mit der heutigen vergleichbar, brutale Computerspiele gab es noch gar nicht.
Doch zurück zur Ausgangsfrage. ‚Ist Gewalt ein Tabu?’. Beantwortet wird die Frage schon im Titel: ‚Schluss mit dem Gewalt-Tabu - warum Kinder ballern und sich prügeln müssen’. Hartmann ist Vater von vier Kindern, leidenschaftlicher Computerspieler, evangelischer Pfarrer und posiert auf dem Cover seines Buches explizit als solcher. Wohl eher ein Marketing-Gag, schreibt Hartmann doch als Privatmann und geht im Buch nur kurz auf die Bibel ein. Seine Kernthese: Jegliche Gewaltform in unserer Gesellschaft ist tabuisiert, dabei muss man verschiedene Gewaltformen unterscheiden, nämlich jene die Menschen Schaden zufügen und jene, die in spielerischer Absicht geschehen.
Hartmann ist überzeugt, dass ein nicht tabuisierter Umgang mit spielerischer Gewalt vorhandene destruktive Gewaltneigung umleiten, ableiten, kanalisieren kann. Gewalt solle als natürlicher Teil des Lebens erkannt werden und nicht unterdrückt, sondern in gewissen Grenzen zugelassen werden. Und zwar schon im frühen Kindes- und Jugendalter, denn anscheinend gibt es bereits von Kindheit an ein Bedürfnis, Aggression und Gewalt auszuleben. Dies findet sich im Blick auf unsere Gesellschaft und ihre Geschichte überall wieder. Spielerische Gewalt sollte möglichst positiv bewertet und respektiert werden, eine Überhütung schade den Kindern. Aggression und Gewalt können akzeptiert sein, aber nur als spielerische und im Rahmen von Regeln kontrollierte Lebensäußerung. Hartmann fordert neben der Friedenserziehung eine Gewalterziehung. Wer das Ausleben von spielerischer Gewalt verhindert, fördere ungezügelte bösartig-zerstörerische Gewalt.
Keine Frage der Neuzeit! Die Verrohung der Sitten war schon vor über 2000 Jahren ein Thema bei Platon: „Unsere Jugend liebt den Luxus, hat schlechte Manieren, missachtet Autorität und hat keinen Respekt vor dem Alter. Die heutigen Kinder sind Tyrannen, widersprechen ihren Eltern und tyrannisieren ihre Lehrer“. Nichts Neues also im Staate Dänemark? Neu vor allem bei der heutigen Diskussion ist die Fokussierung auf Medien wie TV oder Computerspiele. Machen diese aggressiv, gewaltbereit, wird die Hemmschwelle zur Gewaltbereitschaft gesenkt? Können ausufernde Gewaltexzesse wie besagte Amokläufe Folgen von Mediengebrauch oder Medienmissbrauch sein? Fakt ist: Deutschland ist das Land mit der schärfsten Kontrolle im Bereich Unterhaltungsmedien. Hier werden Spiele um einiges schärfer beschnitten als in anderen Ländern; ich selbst beziehe meine ungeschnittenen Spiele meist aus Holland oder Österreich bzw. die entsprechenden Länderversionen aus diversen Online-Shops. Auch mit Verboten ist man hierzulande schneller am Start, wie ‚jüngst’ die komplette Beschlagnahmung des Zombie-Blutbads ‚DeadRising’ zeigt. Die Frage nach dem guten Geschmack steht bei solchen Gewaltorgien mit Sicherheit auf einem anderen Blatt.
In mehreren Kapiteln widmet Hartmann sich der Thematik Gewalt von verschiedenen Blickwinkeln aus. Da geht es zum einen auch um Statistik; hat die Gewalt unter Schülern tatsächlich zugenommen? Speziell an Schulen z.B. lasse sich keine Zunahme von Gewalttaten bei Kindern und Jugendlichen feststellen. Polizeistatistiken die dem widersprechen lassen unklar, ob diese Steigerung nicht einfach an einer Verschiebung der Hell/Dunkelgrenze liege, d.h. es werden weit mehr Straftaten zu Anzeige gebracht als früher, zu mehr Verurteilungen komme es allerdings nicht. Vielmehr lasse die zunehmende Intensität weniger Einzelfälle (Amokläufe) den Eindruck entstehen, dass Gewalt auch in der Breite stark zugenommen habe. Im Abschnitt: ‚Jugendgewalt in der Vergangenheit’ konstatiert Hartmann: „Jugend und Gewalt hat eine geradezu historische Kontinuität, wiederholt sich jedoch nicht einfach, sondern prägt sich in gewissen zeitgebundenen Kontexten neu aus. Schon in den 20er Jahren habe man verstärkt Rummelplatz, Lichtspielhäuser und Schundliteratur dafür verantwortlich gemacht“.
Das Buch der Bücher Auf die Bibel kommt Hartmann kurz zu sprechen, sie gehöre zum ‚kulturellen Gedächtnis’ / zur ‚kulturellen Semantik’ unserer Gesellschaft. Er plaudert unterhaltsam von der Bibel als (unter anderem) äußerst gewalthaltigem Fantasybuch und fragt sich, warum an manchen Bibelstellen, sowohl im Alten als auch im Neuen Testament, ausufernde Gewalt zelebriert wird. Dafür gebe es zwei Gründe: zum einen die Lust am erzählen, die Faszination der Gewalt, die Faszination morbider und brutaler Geschichten sowie natürlich die Tatsache, dass Gewalt Teil des menschlichen Daseins ist. Dies sei der Bibel und anderen kulturellen Überlieferungen der Antike unweigerlich zu entnehmen. Gewalt gehört gemäß der Bibel zum realen Leben der menschlichen Gattung unter den Bedingungen dieser Welt, sie konfrontiert uns mit der komplexen Ambivalenz des Lebens.
Das Gewalt - Tabu Hartmann gibt einen Großteil der Schuld am absoluten Gewalttabu der Friedensbewegung der 70er und 80er Jahre, die mit ihren Forderungen auf Gewaltverzicht in allen Bereichen zu einer Tabuisierung und Verdrängung auch der spielerischen Gewalt beigetragen habe. Verunsicherte Erwachsene verboten jegliches Kampf- und Raufverhalten ihres Nachwuchses. Natürlich teilt Hartmann die politischen Grundsätze der Friedenspädagogik: „Friedenspädagogik gründet auf der Überzeugung, dass Konflikte nicht gewaltsam eskalieren müssen“. Außerdem habe die Friedensbewegung eine Menge Positives erreicht, z.B. mehr Sensibilität für den Umgang mit Gewalt in der Gesellschaft – so ist das Schlagen von Kindern als Mittel der Erziehung heute geächtet, was natürlich ausnahmslos zu begrüßen sei. Leider sei die Bewegung dabei übers Ziel hinausgeschossen und habe alle Formen von Gewalt, auch die spielerisch konstruktive, die ein Bestandteil des Menschen sei, ob angeboren oder erworben, verdammt und geächtet.
Videospiele, Videos und Gewalt Im zentralen Teil des Buches geht Hartmann auf Computerspiele und Videos ein. Sind sie Aggressionsabfuhr oder Killerschmiede?. Zunächst zählt er positive Aspekte des Computerspiels auf inklusive Gründe für deren Faszination. Letzteres sind Dinge wie der Spaß am Entdecken, Spaß am Schaffen neuer Welten, dem Erleben und Ausleben von Handlungen, die ansonsten gesellschaftlich sanktioniert sind, die Freude am Knacken von Rätseln, dem strategischen Planen von Schlachten, das Begreifen komplexer Wirtschaftssimulationen oder Besiegen schneller Computergegner im einem Rennspiel.
All dies könne sowohl das visuelle Gedächtnis, die manuelle Geschicklichkeit und die Konzentration fördern, Aggressionen gar abbauen und zu größerer Ausgeglichenheit führen. Als Beispiel für die Spiele, die eben nicht nur mit brutaler Gewalt faszinieren, geht Hartmann auf den Klassiker ‚DeusEx’ ein. Hier spielt der Spieler in gewohnter Shooter-Manier einen Söldner in einem Zukunftsszenario. In der Egoperspektive erkunde ich die Welt und treffe auf Gegner. Im Gegensatz zu vielen anderen Spielen kann man sich aber für das genaue Vorgehen entscheiden. Will ich die Gegner töten oder will ich das Spiel völlig gewaltfrei lösen? Dies ist durchaus möglich und wird vom Spiel am Ende belohnt.
Dass Konsum von solchen Medien Killermaschinen schafft, erscheint für Hartmann nahezu absurd. Die Aversion Erwachsener sei nicht zuletzt eine Abwehr gegen jugendspezifische Subkultur. Erwachsene leben in ihrer rational kontrollierten, durch und durch vernünftigen Welt, haben ihre eigene Vergangenheit verdrängt oder vergessen. Für Hartmann macht es durchaus Spaß, vorübergehend aus der realen Umgebung abheben zu können in überschaubare, abgegrenzte virtuelle Räume mit eigener Gesetzmäßigkeit und Herausforderung. Ist das eine Flucht vor der Wirklichkeit? Dass zur Wirklichkeit für viele nur familiäre und freundschaftliche Beziehungen, der Job oder die Schule, Noten und Bankauszüge gehören mag zwar der Fall sein. Aber anderen ist es eben zu wenig.
Welche Spiele aber sollten Eltern ihren Kindern nun erlauben? Natürlich ist der Autor niemand, der freies Spielen für alle Kinder fordert. Vielmehr seien die Erziehungsberechtigten gefragt, hier genau hinzuschauen. Die Einschätzungen der USK sind durchaus als Richtlinie heranzuziehen, dies sollte aber in der Konsequenz nicht nur zum Verbot genutzt werden, sondern auch zugunsten der Kinder. Das letzte Kapitel geht noch einmal kurz auf Gewaltprävention ein, ein wenig ZU kurz vielleicht, werden doch hauptsächlich Kampfsporttraining, kleinere Kampfspiele bzw. Thematisierung von Gewalt in Schule oder anderen Institutionen genannt. Bei diesen Spielen in der Schule soll Aggression nicht verdammt, sondern kreativ eingesetzt und gesteuert werden.
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Marcel meint: Hartmann schreibt während der 260 Seiten überaus unterhaltsam und kurzweilig. Bisweilen wirkt der ein oder andere Abschnitt zu kurz (Gewaltprävention), der ein oder andere Abschnitt dafür zu lang (Die Friedensbewegung der 70er und 80er Jahre). Gespickt mit vielen Beispielen aus seinem Alltag als Familienvater und Pfarrer wirken seine Ansichten oft plastisch und aus dem Leben gegriffen. Argumentiert wird jederzeit vorsichtig und weitsichtig. Seine Thesen sind nicht in Stein gemeißelt, vielmehr geht es Hartmann darum, die Diskussion um bestimmte Aspekte zu erweitern, Pro- und Contraargumente sorgsam abzuwägen. Beispiele aus der Bibel werden wirkungsvoll und äußerst unterhaltsam platziert, letztlich aber doch angenehm zurückhaltend. Natürlich schreibt er als Spieler, natürlich besteht eine Grundsympathie gegenüber dem Medium. Trotzdem wirkt er keineswegs als voreingenommener oder leidenschaftlicher Verteidiger von Spielen ohne wenn und aber. Auch pocht er jederzeit auf die Verantwortung, die Eltern übernehmen müssen, um Kinder zu verantwortungsvollen Menschen zu erziehen. Konsequentes Handeln sei gefordert, wenn Kinder sich maßlos in virtuelle Welten hineinsteigern, doch Verbote sollten jederzeit nachvollziehbar begründet werden, um so wenig Frust bei Kindern zu erzeugen. Auch sollten Kinder natürlich keinesfalls nur vorm Rechner sitzen. Bewegung sollte ebenso gefördert werden wie soziale Kontakte. Erziehung fordere also sehr viel Fingerspitzengefühl und sei eine komplexe Aufgabe, vieles klinge schwer oder gar widersprüchlich. Fürs Leben und die Erziehung gibt es keine Patentrezepte. Gewalterziehung heißt: sich Mühe geben, sich einlassen können, sensibel sein und nicht nur über die Jugend meckern, den Untergang des Abendlandes herbeizitieren und alles verbieten. |




Endlich ist es wieder so weit. Zum dritten Mal öffnet die gamescom ihre Tore und lockt damit Videospieler aus aller Welt...




